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Von den Kühlenfelsern, ihrem Dorf und dessen 1000-jähriger Geschichte
von Willy Hofmann zur 1000-Jahr-Feier 1980 verfasst

Kein anderer hat sich mit der Geschichte dieses Dorfes so intensiv befaßt wie Oberstudiendirektor Dr. Wolfang Wießner. Ihm ist es zu danken, daß wir heute über diesen kleinen Ort eine Menge Einzelheiten aus den Schatztruhen des Archivs aber auch große Zusammenhänge und Verflechtungen mit der Gesamtgeschichte wissen und zur Darstellung bringen können.
Sein Buch "Kühlenfels - Geschichte eines Dorfes der Fränkischen Schweiz", 1978 erschienen, ist bereits vergriffen. Heute an der 1000-Jahr-Feier wissen wir, wem wir was zu verdanken haben.
Dieses Dorfbild kann nur weniges davon im Bilde aufleben lassen, dennoch werden in seltenen Aufnahmen Kostbarkeiten gezeigt, die fast schon für die Nachwelt verloren gegangen wären.
Der Tourist kennt viele Postkartenmotive der Fränkischen Schweiz. Meist kommt er von Forchheim das Wiesenttal aufwärts an Mühlen, Höhlen und Burgen vorbei in Richtung Pottenstein. Rechts oben grüßt das Walberla, der "Heilige Berg". Im Tal weidet sich das Auge an Fachwerkgiebeln, Kirchen, Backöfen und Mühlen. Mit dem Geruch von frischgebackenem Bauernbrot in der Nase und zerlaufenem Butter auf einer gebackenen Forelle drängt es den Wanderer von einer Station zur anderen.
Vielleicht aber ist er eben auf Wallfahrt und hat vor seinem geistigen Auge Gößweinstein, wo er seine hartgesottenen Sünden beichten und in der goldüberladenen Basilika seine drückenden Alltagssorgen vergessen mag.
Wer allerdings von Berlin anrauscht wird zuerst an der Autobahn Pegnitz ausscheren und das malerische Pottenstein aufsuchen. Eben zu dieser Gemeinde gehört unser Ort Kühlenfels, der zum Glück weniger Postkarten-bekannt ist, aber erlebnisintensiv, entspannend und mit viel Heilerfolg jeden Gast erfreut.
Den echten Kühlenfelser erkennt man nicht daran, daß er hier geboren ist, sondern daran, daß er immer wieder hierher zurückkehrt. Das läßt tief blicken...

Besiedlungsgeschichtlich lehrt uns Dr. Wießner, daß wir genau in einem Völkerdreieck sitzen, zwische Slaven, Bayern und Franken.
So sind wir als Sondermischung musikalisch mehr dem Osten verbunden, kirchengeschichtlich von den Bayern rechtzeitig auf das Bier aufmerksam geworden und von den kaufmännischen Franken über den Wein zu einer echten Wahrheitsliebe vorgestoßen.
Bei uns gedeihen noch Sagen wie die der Schwarzen und der Weißen Frau. Von Konradin, dem letzten Hohenstaufer wird erzählt, er habe hier auf dem Schloß übernachtet. Eine weiße Frau sei ihm erschienen und habe ihn vor seiner unheilvollen Italienreise gewarnt. Daß er in Neapel hingerichtet wurde, hat uns Kühlenfelser offenbar einen kleinen, aufrührerischen Affekt eingepflanzt, der bis heute geblieben ist.
Doch kommen wir zur Geschichte: Kühlenfels leitet sich von "Kulm" ab. Kulmleins, Kulmelins, Kulmbus, Külmaß und Kulnfels und Kühlenfels - das alles sind namentliche Variationen der einen Tatsache, daß Slaven diesen Ort gegründet haben.
Das nahegelegene Klumpertal könnte eine Verdrehung von Kulm sein. Da Kulm im Slavischen Berg, Fels heißt, ist die Bezeichnung Kühlenfels als deutsche Mischform zu einem wohlklingenden, echten Kind der Fränkischen Schweiz geworden.
Wackenroder und Tieck, Begründer einer Geistesbewegung, die man später als die Romantik bezeichnet, haben in begeisternder Form die Fränkische Schweiz beschrieben. Und wir können bei Dr. Wießner nachlesen, daß schon Herder schreibt: "Manche Gegenden - sind sie nicht wie von dem Geiste des Märchens bewohnt? Hier dieses romantische Tal, dort jener zauberische Brunn', dieser Fels, jene Brücke, diese Basaltsäulen, jene Höhle."
Alte Stahlstiche und Lithographien geben in romantischer Überhöhung diesem Gefühl reichlich Nahrung...
Die alte Klumpermühle, Drachenfels, Entenstein können auf schmalen Pfaden erreicht werden und die Schwarze Frau mit ihrem sagenumwobenen Gedenkstein beschwört noch heute die Melancholie nebelblasser Herbstdämmerung.

Das ganze Waldgebiet um Kühlenfels gehörte zum Veldener Forst. Von Velden aus sind wir auch missioniert worden. Damit sind wir kirchengeschichtlich mit Bayern verbunden und die spätere Eingliederung in das 1007 erst gegründete Bistum Bamberg hat erst den Blick nach Westen freigemacht.
So kam auch mit dem Schloß ein Amtssitz mit adeligen Leuten hierher. In zeitlicher Reihenfolge genannt waren es die Mecher, die von Rabenstein, die von Guttenberg und schließlich die von Druffel.
In seiner Frühzeit hatte das Dörflein vier Höfe. Der Hölzelshof, heute Petershof genannt, war mit dem Hufnerhof, genannt Steffer, 1671 erstmals genannt, das früheste Bauerensemble. Die Dächer waren nach alten Fotografien mit Schindeln gedeckt. Manche kleiner Häuser hatten nichteinmal einen Vorgarten und wurden wegen dem mit der Mauer endenden Grundstück "Tropfhäuser" genannt. So tropfte das Wasser als Hausgrenze einem vor der Nase herunter. "Solch ein armer Tropf" hätte man sagen können.
Das Schloß, heute völlig neu restauriert, war mit dem Schicksal der Dorfbewohner aufs engste verbunden. Als bambergisches Lehen 1348 erstmals bezeichnet, wurde es zuerst den Menschen mit allen Rechten und Nutzungen von Bamberg verliehen. Das Wappen der Melcher hat zwei überkreuzte Gabeln im Schild. Otto der Heilige hat laut dieser Urkunde den Zehnten von Kühlenfels, das bisher zur Kirche von Velden gehörte, dem Pfarrgut von Pottenstein zugesprochen. Von Pottenstein aus wurde es auch kirchlich betreut.
1502 ging Schloß Kühlenfels an Hans und Heinz von Rabenstein über.
1521 sammelten sich die aufständischen Bauern in Hallstatt bei Bamber und überzogen das Land mit Brand und Plünderung. So wurde auch Kühlenfels nicht verschont und niedergebrannt. 12 Wagen Geraubtes sollen die Bauern davongefahren haben. Offenbar hat der Burgherr noch eine großen Vorrat an Getränken im Keller gehabt, an dem sich die trinkfesten Krieger erfreuten.
1563 kamen dann die Herren von Guttenberg und mit Lorenz von Guttenberg einer der reichsten Grundbesitzer des Hochstifts kam ein streitbarer "Götz von Berlichingen" auf die Burg, der den Pottensteinern das Leben schwer machte.
Die Klumpermühle war erster Anlaß des Streites: er baute sie auf, die Pottensteiner rissen sie nieder. Sie wollten diese Konkurrenz nicht. Schließlich gestattete des Bischof von Bamberg den Bau mit der Auflage, er dürfe nur für sich und für die Bewohner des Rittergutes mahlen lassen.
Zweiter Streit: Lorenz wollte ein Brauhaus mit der Begründung, daß das Bier in Pottenstein nichts taugte. Außerdem sei es für seine Untertanen zu schwer, das Bier aus so weiter Entfernung zu holen. Da gerieten die Pottensteiner in Wut und die "Dockenkrämer", wie er sie nannte, bekamen Recht. Komischerweise aber wird 1671 dennoch vom Bestehen eines Brauhauses berichtet.
Dritter Streit: Lorenz betrachtete die Kirche als seine Patronatskirche und ließ sein Wappen anbringen. Das hatte üble Folgen, weil Bamberg mit diesem Selbstverständnis auch bei seinen Nachkommen kein Verständnis zeigte. 1771, als Otto-Philip von Guttenberg starb, ordnete seine Witwe ein vierwöchiges Trauergeläute an. Täglich eine viertel Stunde, versteht sich. Der Pfarrer von Pottenstein hatte etwas gegen solche Selbstständigkeiten. Es kam zu Gewalttätigkeiten. Von der Kanzel in Kirchenbirkig wurde Widersetzlichen die Exkommunikaton angedroht und schließlich 1772 des Interdikt verhängt.
Nun gab es keinen Gottesdienst mehr und keine Beerdigungen. Der im Winter verstorbene Georg Zitzmann wurde von bewaffneter Mannschaft im Winter nach Pottenstein abtransportiert, nachdem er ein halbes Monat unbeerdigt geblieben war.
24 Jahre dauerte der gottlose Zustand bis die Waidacher durch eine Bittschrift an den Fürstbischof Franz-Ludwig das Ende des Interdikts erreichten.
Die heutige Pfingstprozession erfreut sich großer Beliebtheit, weil sie aufgrund einer Missernte die einzige kirchlich erlaubte Unterbrechung dieses verruchten Zustandes war.

Sind wir heute auch noch ein wenig verrucht? Immerhin hat unser Dorf drei Geistliche hervorgebracht. Fromm sind wir auch, aber nur nicht übertrieben. Wir sind tolerant und haben auch nichts dagegen, wenn der andere anders denkt als wir. Weil auch wir gern anders denken. Wir haben die Fähigkeit über uns selbst zu lachen und gehen auf die Barrikaden, wenn man uns ernsthaft bedroht. Wir lieben Heiterkeit und Melancholie in gleicher Weise. Berg und Tal sind eben nahe beieinander.
Daß man uns die Schafmelker nennt ist ein Hinweis auf unsere Güte und Harmlosigkeit. Hunde haben wir im Dorf sehr viele. Mehr aus Tierliebe als aus Ängstlichkeit. Die Kirche ist meist so vollgestopft, daß einige immer wieder draußen vor der Tür stehen. Am liebsten haben wir außer der Kirche das Wirtshaus. Momentan haben wir nur drei. Früher waren es mehr. Wir singen ohne Gesangsverein am liebsten. Und das meist spät abends. Wir haben auch drei Schulgebäude, momentan sind sie leer. Das zeugt von unserer Intelligenz...
Der Sommer ist bei uns meist sehr kurz. Er beginnt immer 14 Tage später als anderswo. Dafür erfreuen wir uns mehr am Winter, der sich vom Kachelofen aus besonders schön anschaut. Bei uns sind Bäume noch mehr als Brennholz und der Boden noch mehr als Baugrund. Unsere Felsen lieben wir, weil sie so wenig Nutzen bringen. Und in dieser Beziehung sind wir steinreich. Die Luft ist würziger und wer stinkt hat bei uns keine Chance. Das hindert uns nicht, daß wir Ol lieber riechen als Öl, auch wenn wir heute das zweite auch brauchen.
Unsere Musik ist romantisch, breit, weniger kurzatmig. Deshalb haben wir auch längere Fahnen. Überhaupt lieben wir alles Feierliche, wenn es nur nicht zu lange dauert wie z.B. die Messe. Ja so ist das...

Wenn ich beispielsweise an meine Eltern denke: Sie sind an die 80 Jahre alt geworden. Die Mutter mußte noch mit der Sense in der Hand große Wiesen und Getreideflächen mähen. Dazu die tägliche Arbeit im Stall. Kochen und Kindererziehen. Sieben waren es an der Zahl. Am Feierabend und Sonntags in Romane vertieft schlief sie sitzend über ihrer Lektüre ein. Der Vater ruhig und bedächtig hat gemütlich den ersten Weltkrieg überstanden. Er liebte Pferde und Geselligkeit. Sein Lieblingslied "Im schönsten Wiesengrunde" stimmte er auch unaufgefordert im Gasthaus "Zur Linde" an.
Daß ich der erwählte wurde, der ans Gymnasium durfe, hing von meinen Bruder Hans ab, der das Ansinnen mit Tränen in den Augen beantwortete.
In medio est virtus - dachte ich. Ich war der vierte von unten hinauf und von oben herab. Das ewige Gänsehüten und Schafeweiden hatte ich satt. Es ging mir einfach um einen Tapetenwechsel. Unvergeßlich waren immer die sogenannten Kohlenferien. Von Behringersmühle stapfte ich dann durch die verschneite Märchenlandschaft nach Hause. Tiefer Friede inmitten des Krieges. So kenne ich seit dem elften Lebensjahr mein Dorf nur besuchsweise.
Da ist zum Beispiel der Fritza Josef, der sich komischerweise schon damals wie ein Computer Zahlen und Daten merken konnte. Der Zapf'n Fritz, der den Witz und Hintersinn im Gesicht trägt, und als Jäger die Waldeslust der Holzstehler kennenlernte.
Der alte Wiegärtners Hans, der immer mit der Gemeindeglocke und einem Zettel in der Hand die neuesten Bekanntmachungen der Gemeinde vorschrie. Der Geyers Hans als Totengräber und Küster der Kirche. Immer wenn aus einem offenem Grab dichter, schwerer Zigarrenqualm aufstieg, hatte er wieder Hochkonjunktur. Wenn er dann übermüdet im Leichhaus ein Schläfchen macht, wer kann ihm das nicht nachsehen.
Nur nicht die Touristen, die ihn einmal im Schlaf störten und laut im Dorf verkündeten, da draußen sei einer von den Toten auferstanden.
So könnte man noch lange weitermachen ...

Wir haben auch noch andere Originale auf die wir stolz sein können. Aufsehen erregte es in der Öffentlichkeit, als vor etlichen Jahren in der Zeitung erstmals berichtet wurde, daß eine einmalige Kostbarkeit auf dem Schloß über viele Jahre lagerte. Das persönliche, handbemalte und mit viel Blattgold ausgelegte Gebetbuch des englischen Lordkanzlers Thomas Morus. Heute ist es im Archiv der Diözese und wird wie ein Gralschatz behütet. Thomas Morus, der sich weigerte, den englischen König Heinrich VIII als Oberhaupt der englischen Kirche anzuerkennen, wurde auf dem Holzblock enthauptet. Er starb wie ein Mann und Christ während Heinrich VIII sich mit Anna Bolyn beim Brettspiel ergötzte. Als ihm der Vollzug der Hinrichtung gemeldet wurde, warf er das Spiel durcheinander und schrie seine Gattin an: "An diesem Tod bist du schuld."
1978 waren es 500 Jahre seit seiner Geburt. 1935 heilig gesprochen wird er als einer der größten Heiligen der Kirche verehrt. Eine weitere, anders geartete Entdeckung wurde um 1900 im nahegelegenen Klumpertal gemacht: ein goldenes Halsband mit zwei Löwenköpfen entpuppte sich als der Kulturgeschichte der Völkerwanderungszeit zugehörig. Wenn es auch nicht der Hunnenkönig Attila persönlich verlor, so ist es doch seiner Zeit zuzurechnen. 1935 wurde dieser Halsreifen erstmals im damaligen Fränkischen Kurier veröffentlicht. Heute weiß niemand mehr, welches weitere Schicksal er erlitt.

So bleibt Kühlenfels mit seiner Geschichte ein glitzernder Bergkristall mit manch aufleuchtender, facettierender Fläche. Es ist dem Beschauer überlassen, von welcher Seite er die Dinge sehen will.